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Keine Angst vor Verantwortung

(Freitag, 18. August 2006 von Marc Rybicki)


Wenn Eric Chatfield den Kopf frei bekommen und sich vom hektischen Treiben auf dem Basketball-Court erholen will, wirft er die Angelrute aus. In Atlanta, Georgia, wo seine Familie mittlerweile lebt, gibt es genügend Seen, auf denen der introvertierte New Yorker seinem Hobby nachgehen kann. "Das entspannt mich total und nimmt mir den Stress", sagt Chatfield, der seinen Fang anschließend auch gekonnt zubereitet. "Das hat mir meine Mutter beigebracht. Ich koche sehr gerne für meine Familie. Wenn wir an Feiertagen zusammen kommen, bin ich der Grillmeister." Klingt nach trautem Idyll. Doch Eric Chatfield hat in seinem Leben auch andere Seiten kennen gelernt.


Geboren und aufgewachsen ist er in den Queensbridge Projects im New Yorker Stadtbezirk Queens. Die Zukunftsaussichten der Jugendlichen sind dort so grau wie die Backsteinfassaden der aneinander gepferchten Wohnsilos. NBA-Star Ron Artest stammt aus der gleichen Nachbarschaft, ebenso der Rapper 50 Cent. Die Kindheit in Queens hat Erics Charakter geprägt. "Ich bin sehr vorsichtig im Umgang mit anderen Menschen geworden. Ich halte mich eher zurück und beobachte eine Weile, bevor ich mich öffne und auf Leute zugehe."


Über das "Tough Guy" Image, das so anziehend wirkt auf viele Kids und in Filmen und Musik-Videos kultiviert wird, kann Chatfield nur lachen. "Es geht im Leben nicht darum cool zu sein, sondern darum, das Beste aus seinen Fähigkeiten zu machen." Durch falsche Vorbilder und Freunde sei es ein leichtes, vom Pfad der Tugend abzuweichen. "Das Leben in diesem Viertel ist ein ständiger Kampf.  Ich bin mit vielen Jungs groß geworden, die nicht mal einen Schulabschluss geschafft haben. Man bekommt dort nicht viele Möglichkeiten."


Doch Eric hatte einen starken Willen und ältere Brüder, die ihn beschützten, erzogen und aus allem Schlamassel herausgehalten haben. Sie waren auch der Grund, warum er mit zehn Jahren zum ersten Mal auf einen Korb warf. "Meine Brüder haben Basketball gespielt, also habe ich es auch probiert. Ich hatte Talent, kam ins High School Team und später aufs College. Als ich 18 war konnte ich Queens den Rücken kehren und habe nie wieder zurück gesehen." Bald darauf zog auch Erics Familie nach Georgia um und verfolgte die Karriere ihres Sprösslings aufmerksam, der 2002 im Summer Camp der Los Angeles Clippers vorspielte. Doch die Tür zur NBA blieb dem athletischen Guard verschlossen. "Ich habe nie bedauert, dass es mit der NBA nichts wurde", bekennt der 27-Jährige offen. "Es gibt viele Spieler, die sind ganz versessen darauf, in die NBA zu kommen und hadern anschließend damit, wenn es nicht geklappt hat. Ich will einfach nur erfolgreich Basketball spielen."    


So wie im Libanon. Mit präzisen Pässen und einem sicheren Wurfhändchen führte der Point Guard Sagesse Beirut zu zwei Meistertiteln und einem Cup-Sieg. "Ich habe dort viel gelernt, als Spieler und als Mensch. Ich habe mit vielen ehemaligen NBA Profis gespielt wie Cedrick Henderson und Willy Burton, von denen ich mir einiges abschauen konnte. Die Menschen waren sehr nett und die Stadt wunderschön. Nicht umsonst nennt man Beirut das Paris des Nahen Ostens." Nach seinem Wechsel zu Champville wollte Chatfield auch dieses Team zum libanesischen Champion machen. Doch dann kam der Valentinstag 2005.


Nach dem Bombenanschlag auf den ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri, "brach das Chaos aus und alle Amerikaner saßen am nächsten Tag im Flugzeug." Eric hat noch immer Verbindungen zu ehemaligen Teamkollegen in Beirut, deren Schicksal ihm nahe geht. "Es ist schlimm, wenn man die Bilder in den Nachrichten sieht. Ich möchte mich politisch nicht äußern, aber die ganze Situation ist völlig verrückt. Die Menschen, egal welcher Religion, haben doch nur ein Ziel: sie möchten in Frieden leben. Warum können Sie das nicht?"


Chatfield ist ein smarter Bursche, dessen Horizont sich nicht auf den Luftraum zwischen zwei Körben beschränkt. "Viele Spieler machen sich erst am Ende ihrer Karriere Gedanken darüber, wie es weitergeht. Doch man muss schon als junger Mensch vorsorgen, sein Geld vernünftig anlegen und Pläne für die Zukunft schmieden. Ich möchte einmal als Coach arbeiten mit Kindern aus üblen Gegenden, die nichts haben. Ich möchte ein Vorbild für sie sein und ihnen zeigen, was man aus sich machen kann. Etwas von dem an die Gesellschaft zurück geben, was ich in meinem Leben Positives erfahren durfte."


Ab Dezember darf sich Eric zunächst einmal um den eigenen Nachwuchs kümmern. Freundin Rénee erwartet einen Jungen. "Ich hoffe, er kommt am 7. Dezember zur Welt, meinem Geburtstag." Nächsten Sommer möchte das Paar heiraten. Vor seiner neuen Rolle als Familienvater ist Eric nicht bange. "Ich fühle mich reif genug und bin bereit für die Verantwortung". Auch auf dem Feld. "Die Jungs sehen in mir bereits einen Leader. Diese Aufgabe übernehme ich gerne, sie entspricht meinem Charakter. Ich möchte, dass wir ein Gewinner-Team werden, dass selbstbewusst auftritt. Und wir wollen den Fans Spaß bereiten. Jede Menge Spaß."